Schafe im Weinberg – Update

Nicht nur ein schöner Anblick, sondern auch nützlich: Schafe im Weinberg.

Wir hatten Euch bereits vor einiger Zeit über die flauschigen Helfer in den Fleiner Weinbergen berichtet. Denn die Hochschule Rottenburg lässt seit 2019, im Zuge eines Forschungsprojektes, verschiedene Weinberge mit Schafen beweiden – darunter auch in Flein bei Heilbronn. Die beiden teilnehmenden Winzerfamilien

Winzerfamilie Seiz & Münzing aus Flein, die zur Genossenschaftskellerei Heilbronn gehören, kümmern sich gemeinsam mit den Fuchsschäfern aus Talheim um die Schafe. Alle Infos zum ersten Artikel könnt Ihr hier nochmal nachlesen. Auch die Hochschule Rottenburg hat das Projekt „Schafe im Weinberg“ nochmal auf ihrer Webseite beschrieben. Den Link dazu findet Ihr hier.

Ein Jahr später haben wir erneut bei den Winzerfamilien Seiz & Münzing nachgefragt, sowie bei dem Projektmanager „Win-Win im Weinberg“ Jakob Hörl, Projektleiter von der Hochschule Rottenburg, nachgefragt. Im Beitrag lest Ihr jetzt alle neuen Erkenntnisse aus Praxis-sowie wissenschaftlicher Sicht.

Gibt es mittlerweile eine Art „konkrete Anleitung“ für dieses System?

Projektteilnehmer Seiz & Münzing: Das Projekt ist offiziell auf vier Jahre angelegt. Am Ende soll ein Leitfaden erstellt werden. Begonnen hat das Projekt bereits 2019. Die Fleiner Gruppe ist seit Februar 2020 dabei und sammelt seitdem auch fleißig Daten und Erfahrungen.

Projektmanager Jakob Hörl: An der konkreten Anleitung wird derzeit gearbeitet. Spätestens zum Ende des Projekts im Dezember 2022 soll ein umfassender Handlungsleitfaden verfügbar sein. Aktuell kann man aber anhand unserer Erfahrungen schon einmal verraten, dass für die erfolgreiche Umsetzung eine Anpassung und Optimierung an die Gegebenheiten vor Ort im jeweiligen Weinbaubetrieb wichtig sind. Diese Phase kann bis zu drei Jahre dauern.

Hat sich die Annahme des Doppelnutzungssystems – also klassische Wolle- und Fleischerzeugung und gleichzeitig Unterstützung des Weinbaus – bewährt?

Projektteilnehmer Seiz & Münzing: Ja, das Doppelnutzungssystem bewährt sich. Wir als Gruppe sind vom Vorteil dieses Systems überzeugt.

Projektmanager Jakob Hörl: Ja. Es ist möglich Schafe ganzjährig im Weingarten zu halten und damit neben zahlreichen positiven Auswirkungen für das Ökosystem auch weitere Produkte (Wolle und Fleisch) zu produzieren. Dies geht aber nicht nebenbei, sondern bedarf der bewussten Entscheidung, dies umsetzen zu wollen und zusätzlichen Aufwand (Kosten und Zeit) zu akzeptieren.

Schafe im Weinberg UpdateHat sich die Annahme bestätigt, dass die Tiere das Stammputzen der Rebstöcke übernehmen?

Projektteilnehmer Seiz & Münzing: Je nach Vegetationsstand und Schafrasse ist dies unterschiedlich.

Projektmanager Jakob Hörl: Die Tiere können das Stammputzen übernehmen, wenn junge Stockausschläge beweidet werden. Dann wird der Trieb komplett gefressen und abgerissen. Dazu bietet sich ein möglichst früher Beweidungszeitpunkt im Sommer an, wenn die Beeren Schrotkorngröße erreicht haben. Sind die Triebe älter, werden nur die Blätter und Triebspitzen abgefressen und es muss nachgearbeitet werden.

Mit welchen Kosten muss ein Weingärtner bei einer Anschaffung von Schafen rechnen?

Projektteilnehmer Seiz & Münzing: Bedingt durch verschiedene Schafrassen sowie Zaunsysteme schwanken die Kosten stark. Hier werden noch fleißig Daten gesammelt.

Projektmanager Jakob Hörl: Neben den reinen Anschaffungskosten für die Schafe, die bei ca. 150 € pro Schaf (Mutterschaf der Rasse Shropshire) liegen, fallen Kosten für das Zaunmaterial, Witterungsschutz und Tränkesystem) an. Je nach Herdengröße und Größe der zu beweidenden Fläche kann eine erste Ausstattung zwischen 3.000 und 15.000€ kosten (nach oben sind keine Grenzen gesetzt). Mit zunehmender Größe der Herde reduzieren sich die Kosten pro Tier.

Wie viele Schafe bedarf es, um einen Weinberg zu „pflegen“?

Projektteilnehmer Seiz & Münzing: 5 Schafe für ca. 20ar, in Abhängigkeit von Sommer oder Winterbeweidung und Schafrasse (Fressleistung).

Projektmanager Jakob Hörl: Das kommt ganz auf den Standort und dessen „Wüchsigkeit“ an, d.h. wie stark wächst die Begleitvegetation. Außerdem darauf, welche Arbeitsschritte von den Schafen übernommen werden sollen, also die Zielsetzung der Beweidung. Es ist sinnvoll, mit weniger Tieren zu starten und die Zahl über mehrere Jahre auf die benötigte Größe anzupassen.

Spielt die Rasse der Schafe eine entscheidende Rolle?

Projektteilnehmer Seiz & Münzing: Bis jetzt haben sich drei Rassen bewährt: Quessant, Shropshire und Southdown. Schafe im Weinberg Update Teil 2

Projektmanager Jakob Hörl: Ja, für eine Beweidung mit Schafen in den Sommermonaten ist die Wahl der Schafsrasse mitentscheidend. Unsere Untersuchungen und Nachforschungen bei Schafzüchtern haben gezeigt, dass fast alle Schafsrassen die Fähigkeit zum Zweibeinstand haben, d.h. sie können sich auf die Hinterbeine stellen. Damit würden sie weite Teile der Laubwand in den meisten Reberziehungssystemen im Sommer kahlfressen.

Einzig die beiden englischen Schafsrassen Shropshire (Dänische Linie) sowie Southdown sind in der Regel physiologisch nicht fähig, sich auf die Hinterbeine zu stellen. Eine weitere geeignete Rasse sind Ouessant-Schafe, zu Deutsch Bretonisches Zwergschaf (kleinste Schafsrasse Europas). Diese können sich auf die Hinterbeine stellen, erreichen auf Grund ihrer Größe aber max. 105 cm Verbisshöhe. Soll ausschließlich im Winter beweidet werden, d.h. nach der Lese bis kurz vor dem Knospenaustrieb der Reben im Frühjahr, ist die Schafsrasse nicht entscheidend. Es können alle Schafsrassen eingesetzt werden und die Kooperation mit noch existierenden Schäfereien in der Region ist anzustreben. Diese haben meisten eine entsprechend hohe Tierzahl, um größere Rebflächen effektiv abzuweiden und freuen sich über zusätzliche Weideflächen in zunehmend trockeneren Jahren.

Von wann bis wann ist die optimale Zeit, die Schafe im Weinbau einzusetzen?

Projektteilnehmer Seiz & Münzing: Ganzjährig mit Ausnahme von Austrieb bis zur ersten Heftarbeit und von Reifebeginn bis Ernte.

Projektmanager Jakob Hörl: Das kommt ganz auf die Ziele der Beweidung an. Sollen möglichst viele Arbeitsschritte im Weinberg von den Tieren übernommen werden, so ist eine ganzjährige Beweidung zielführend. Aber: Die Reben und die Begleitvegetation wachsen hauptsächlich in den Sommermonaten – dann fallen die meisten Arbeitsschritte im Weinbau an. Es gibt aber zwei verbisskritische Phasen, d.h. die Schafe können in dieser Zeit die Traubenernte gefährden. Im ersten Zeitraum, (Austrieb der Reben bis zur sog. Schrotkorngröße der Beeren) indem sie die ersten Triebe und Blüten fressen, das ist ca. April-Mai. Im zweiten Zeitraum (Farbumschlag der Trauben – „Veraison“ bis zur Ernte) indem sie die süß-werdenden Trauben fressen, das ist ca. ab Anfang August. Dazwischen liegen mehrere Wochen, in denen Weinberge effektiv und ungeschützt beweidet werden können. Die Schafe fressen die untersten Blätter, die sie erreichen, aber nicht die dann sauren und harten Trauben. Das wird z.B. genutzt, um die Traubenzone zu entblättern.

Hagelschutznetze haben sich nur bedingt als Schutz bewährt, da insbesondere junge Lämmer ihre Köpfe durch die Halterung drücken können.

Die Beweidung im Winter bietet einen unkomplizierten Einstieg in die Schafsbeweidung im Weingarten. Es ergeben sich erste Vorteile für Biodiversität und Bodenstruktur: Denn die Schafe können bereits Arbeitsschritte wie das Abmulchen der Begleitvegetation ersetzen.

Schafe im Weinberg Update

Eine Veranschaulichung der verbisskritischen Phasen!

Welche touristischen Vor- und Nachteile ergeben sich durch eine Nutzung der Tiere?

Projektteilnehmer Seiz & Münzing: Die Vorteile überwiegen klar! Die Resonanz und das Interesse sind durchweg positiv. Als Nachteil sind einzelne Hundehalter und das nicht einhalten des Fütterungsverbots zu nennen. Die heimische Kulturlandschaft kann durch die Schafhaltung berreichert werden, auch eine nachhaltige Bewirtschaftung ist hier zu nennen. Aus als „Ausflugsziel“ oder als Wegposten bei verschiedenen Veranstaltungen oder Weinproben sind die Schafe gern gesehen. (Bspw. Walk the wine)

Projektmanager Jakob Hörl: Die Schafe sind ein Besuchermagnet und werden schnell zum beliebten Ausflugsziel für Familien, Spaziergänger und Touristen. Daraus lassen sich Vorteile in der Vermarktung und Kommunikation erzielen, wenn beispielsweise Informationstafeln aufgestellt werden, oder auf Kaufmöglichkeiten des eigenen Weines hingewiesen wird. Die Vermarktung eines Schafsweines kann einen Mehrwert erzielen. Die Schafe bieten zudem einen guten Einstieg, um weitere Aspekte rund um das Thema Weinbau und die eigenen Bestrebungen zu mehr Nachhaltigkeit im Weinbau zu vermitteln.

Gleichzeitig steigt natürlich die Exponiertheit in der Öffentlichkeit mit der Tierhaltung. Es müssen Fragen von besorgten Menschen beantwortet werden und das Tun der Winzer wird stärker und emotionaler hinterfragt. Darauf sollte proaktiv z.B. durch Hinweisschilder eingegangen werden.

Wer kümmert sich generell um die Tiere, während sie im Weinbau „tätig“ sind?

Projektteilnehmer Seiz & Münzing: Die Fleiner Gruppe teilt sich die Aufgabe zur Betreuung auf. Und zwar auf zwei Winzerfamilien und einen Schäfer. Strom, Wasser, Mineralfutter, Überdachung und Zäune sind zu kontrollieren. Grundsätzlich wird 2 x täglich die Herde kontrolliert.

Projektmanager Jakob Hörl: Generell sind zwei Modelle denkbar:
1) der Winzer / das Weingut ist selbst Tierhalter und kümmert sich ganzjährig um die Schafe. Das erfordert Sachkenntnis und bedeutet einen täglichen Betreuungsaufwand. Vorteilhaft ist, dass die Beweidung so umgesetzt werden kann, wie sie zum jeweiligen Betrieb passt.
2) die Schafe werden extern betreut bzw. die Beweidung als Dienstleistung vergeben. Dazu muss ein passender Schäfer/Tierhalter gefunden werden und es ist eine sehr enge Absprache zur Umsetzung und den Beweidungszeitpunkten notwendig. Vorteilhaft ist, dass die Tierbetreuung abgegeben wird und keine besondere Sachkenntnis erforderlich ist.

Denkbar und erfolgsversprechend ist der Zusammenschluss mehrerer Winzer, welche einen Schäfer engagieren. Dadurch ergeben sich Synergien: eine größere Fläche, die bestenfalls zusammenhängend ist, wodurch sich Transporte reduzieren. Und es können mehr Schafen eingesetzt werden, wodurch sich der Arbeitsaufwand und die Kosten reduzieren.

Wir sind auf jeden Fall gespannt, welcher Endergebnisse das Projekt liefert und genießen derweil den Anblick der flauschigen Schafe im Weinberg!

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