Esslingens Trockenmauern

Biotop aus Tradition

Esslingen ist berühmt für seine Weinhänge. Ganz charakteristisch: Die Steinmauern, die die Terrassen an der Steillage umrahmen. Aber was passiert, wenn eine dieser sogenannten Trockenmauern plötzlich zusammenbricht?

15 Personen um einen Steinhaufen. Eine Trockenmauer war das einmal, das heißt, eine Mauer die komplett ohne Mörtel aufgerichtet wurde. An den Esslinger Steillagen rahmen sie schon seit dem zehnten Jahrhundert die Weinterrassen ein. Einmal gebaut trotzen diese Mauern wie von Geisterhand gehalten über 50 Jahre lang Wind und Wetter. Das eingebrochene Stück Mauer, um das sich die Menschentraube gebildet hat, stand schon viel länger. Heute soll es repariert werden. Dafür veranstalten die Weingärtner Esslingen und der Staffelsteiger Verein an diesem kalten Märztag einen Workshop.

Mühsame Handarbeit

Die Esslinger Trockenmauern sind aneinandergereiht etwa 10 Kilometer lang und bestehen aus fast fünf Millionen Sandsteinen. All das wurde und wird in mühsamer Handarbeit aufgebaut. Zunächst müssen die Workshop-Teilnehmer ein Hintergemäuer aus festgeklopften Steinen und Erdreich bauen. Davor richten sie dann die später sichtbare Außenwand leicht an den Hang gelehnt auf, sodass die Mauer auch ohne Mörtel hält. Außerdem müssen sich die großen Steinbrocken der Außenwand ineinander verkeilen. Die richtige Auswahl der Steine verlangt dabei Augenmaß und Erfahrung; als technische Hilfsmittel zur Vermessung kommen lediglich Schnüre und eine Wasserwaage zum Einsatz.

Die Vorteile von Trockenmauern

Die Trockenmauer Terrassen rahmen die Stadt Esslingen. Bild: Benjamin Stollenberg.

Aber warum macht man sich noch heute die große Mühe, Trockenmauern zu erhalten? Denn die Instandhaltung ist nicht nur harte körperliche Arbeit, sondern auch teuer. „Einen Quadratmeter Trockenmauer zu bauen kostet etwa 600 Euro. Wenn das Stück Mauer allerdings unzugänglich liegt oder noch mehr Steine herangeschafft werden müssen, können sich die Kosten pro Quadratmeter sogar auf bis zu 1.000 Euro belaufen“, so Claus Hägele vom Staffelsteiger Verein Esslingen. Dafür gibt es viele Gründe.

Die Esslinger Trockenmnauern sind ein Teil des Stadtbildes, der nicht wegzudenken ist. Egal ob für Touristen oder für Ortsansässige –die Weinsteillagen sind eine Art terrassiertes Naherholungsgebiet. Das weiß Jochen Clauß von den Weingärtnern Esslingen aus eigener Erfahrung. Er erklärt uns, woran das liegt: „Die Trockenmauern schaffen ein Mikroklima, das vielen Insekten und Pflanzen einen natürlichen Lebensraum bietet.“ Nur darum können Wanderer an den Steillagen so viele Wildbienenarten, Eidechsen und seltene Pflanzen finden.

Alles für einen guten Wein

Eine vorbildlich wieder instand gesetzte Trockenmauer. Bild: Staffelsteiger Verein Esslingen.

Ein weiteres Argument für den Erhalt der Trockenmauern: sie lassen den Wein besser gedeihen. Denn die Natursteine, aus denen sie bestehen, sind gute Wärmespeicher. Sie sorgen dafür, dass das Erdreich um die Reben nachts nicht auskühlt. An den Esslinger Weinhängen lassen sich so bis zu fünf Grad Temperaturunterschied im Vergleich zum Tal messen. Dadurch können hier nicht nur exotische Weinsorten wie Merlot oder Cabernet angebaut werden, auch die heimischen Weinsorten wie Trollinger oder Lemberger dürfen sich darum einer besonders hohen Qualität erfreuen.

Jochen Clauß kann das bestätigen: „Das Mikroklima der Trockenmauern gibt unseren Weinen mehr Tiefgründigkeit. Sie sind kräftiger und gehaltvoller.“ Kein Wunder also, dass knapp ein Drittel der Esslinger Rebflächen von Trockenmauern gerahmt werden. Der vielschichtige Charakter der Esslinger Weine ist aber nicht der einzige Grund, sie zu probieren: „Wein aus der Region zu kaufen hilft auch beim Erhalt der Trockenmauern,“ so Clauß weiter.

Ein Schluck Lemberger auf die getane Arbeit!

Der Workshop der Esslinger Winzer und des Staffelsteiger Vereins bei der Arbeit.

Die Arbeit an der Mauer ist schweißtreibend. Da vergisst man die kühle Außentemperatur schnell. Zusammen wird geklopft, gehämmert, vermessen und geschleppt. Am Ende des Tages kann sich das Ergebnis aber sehen lassen: Die Mauer ist vollständig wiederhergestellt. So wird der Wein hier auch in Zukunft unter optimalen Bedingungen gedeihen. Und nach getaner Arbeit gab es natürlich ein Gläschen Esslinger Lemberger – zum Wohl!

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