Verkostung: der große Milde

Mit dem Namen fangen die Probleme eigentlich schon an. Denn mit Riesling hat der Schwarzriesling so gar nichts zu tun. Außer, dass die Blätter eine gewisse Ähnlichkeit haben. Er gehört vielmehr zur edlen Gattung der Burgunderrebsorten, was sein französischer Name „Pinot Meunier“ deutlich macht. Entsprechend vornehm kann Schwarzriesling auch ausfallen. Wir haben ausgiebig verkostet, von trocken über spritzig bis barriquewürzig.

Die Verwirrung vergrößert sich sogar noch, wenn man alten deutschen Fachbüchern Glauben schenkt. Dort wird der Schwarzriesling immer als Mutation des Spätburgunders bezeichnet, die vor etwa vier Jahrhunderten über Frankreich den Weg nach Deutschland fand. Heute hat man durch genauere gentechnische Untersuchungen jedoch festgestellt, dass diese verwandtschaftlichen Beziehungen zwar wirklich sehr eng, aber genau andersherum sind. Schwarzriesling ist quasi der Urvater des Pinot und damit also der gesamten Burgunderfamilie bis hin zum Grauburgunder. Im Prinzip stammen alle heute bekannten Burgundersorten vom Schwarzriesling ab, sie sind im Wesentlichen durch Mutation daraus hervorgegangen. Dabei ist die Ausgangsrebsorte bis heute die wahrscheinlich am einfachsten zu erkennende Rebsorte in den deutschen Weinbergen. Eine starke weiße Behaarung, besonders an den Triebspitzen und den jungen Blättern, lässt manche Weinberge in Württemberg, vor allem im Frühsommer, wie mit Mehlstaub bestäubt erscheinen. Was auch sehr anschaulich den zweiten deutschen Namen der Sorte erklärt: Müllerrebe. Übrigens: Auch in Frankreich geht der Name „Pinot Meunier“ (meunier = Müller) in die gleiche Richtung.

Zusammen mit dem Trollinger hat der Schwarzriesling über Jahrzehnte das Bild vom „Viertelesschlotzer“ geprägt, er war aus dem Anbaugebiet Württemberg nicht wegzudenken. Aber in den letzten zehn Jahren hat er einige Federn lassen müssen, Spätburgunder und Lemberger sind populärer, so mancher Schwarzrieslingweinberg wurde gerodet. Dabei schätzen viele Weinfreunde vor allem den leisen, von zarter Frucht getragenen Geschmack, der den Schwarzriesling zum erstklassigen Speisebegleiter macht. Und er wird auch andernorts immer noch sehr geschätzt: In Frankreich findet sich der Schwarzriesling unter dem Synonym Pinot Meunier als Bestandteil vieler Champagnergrundweine. Ohne ihn im Grundwein ständen die Winzer der Champagne ziemlich blöd da. Experten gehen davon aus, dass rund 30 Prozent des gesamten Edelsprudlers aus Pinot Meunier stammen. Mit wenig Anspruch an Boden und Wasser, relativ unanfällig für Schädlinge, ertragssicher und mit guter Säurestruktur, ist er ein verlässlicher Partner. Das mag für den Weinfreund nicht besonders spannend klingen, ist für den Winzer aber von existenzieller Bedeutung. Also muss doch etwas dran sein am scheinbar unscheinbaren Schwarzriesling. Und wie sich auch im Test zeigte, steckt durchaus Potenzial im Schwarzriesling. Vielleicht würde ihm eine Stiländerung guttun. Mit etwas weniger Restzucker wären z.B. seine Möglichkeiten bei Tisch noch vielseitiger, der häufig moderate Alkoholgehalt liegt voll im Trend.

Essensbegleiter mit Frucht und Charme

Dass Schwarzriesling in Württemberg trotz des Rückgangs der Anbaufläche nach wie vor zu den verlässlichen Größen auf der Weinkarte gehört, liegt ganz sicher auch an seiner kulinarischen Vielseitigkeit. Zur schwäbischen Regionalküche ist er geeignet wie wenige andere, Kässpätzle oder Maultaschen passen ideal, selbst europäische Klassiker wie Spaghetti alla carbonara fühlen sich in der Gesellschaft von Schwarzriesling bestens aufgehoben. Die moderne deutsche Küche mit stärkerer Betonung von Gemüse ist ein weiteres Spielfeld für ihn. Überall dort, wo ein feingliedriger, leichter Burgunder passen würde, kann auch der Schwarzriesling glänzen. Allerdings sollte dabei auf die wirklich trockenen Vertreter zurückgegriffen werden. Die Weine mit dem ausgeprägten Zuckerschwänzchen sind dagegen eine echte Entdeckung für die asiatische Küche. Schärfe und Süße bilden kulinarisch ein stimmiges Paar, zu indischen Currys sind restsüße, leicht gekühlte Schwarzrieslinge geradezu perfekt. Man muss sich nur trauen. Auch im Tasting wurde erstaunlich oft über mögliche Speisekombinationen gesprochen. Wenn denn im konzentrierten Verkostungsmodus Raum für Gespräche blieb.

Profis am Glas

Das Verkostungspanel setzte sich aus praxis­erprobten Fachleuten zusammen, die jungen Kellermeister und Önologen Jens Bolte (Technischer Betriebsleiter Remstalkellerei eG), Andreas Reichert (Kellermeister Cleebronn & Güglingen), Florian Seber (Kellermeister Heuchelberg Weingärtner) und Julian Böllmann (Ass. Önologe Weinkonvent Dürrenzimmern) traten an, unterstützt wurden sie von dem Vertreter des Handels Guido Empen (Geschäftsführer Gebauer’s E-Center) und dem VINUM-Autor Harald Scholl. Die Verkostung wurde blind durchgeführt, Etiketten, Kapseln und Banderolen wurden unkenntlich gemacht bzw. entfernt. Die Weine wurden in die Gruppen „Schaumweine“, „Fruchtig“, „Trocken“ und „Cuvée“ eingeordnet. Eine weitere Ordnung nach Region oder Preis gab es nicht. Die Verkoster probierten einzeln und im eigenen Tempo. Es gab kein Zeitlimit.

Text: Harald Scholl
Fotos: Armin Faber

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